Die Zunahme von Urlaubs- und Geschäftsreisen, auch in exotische Länder, geht mit der Gefahr des Re-Imports von in Mitteleuropa fast schon vergessenen Krankheiten einher. Der Zusammenbruch medizinischer Versorgungssysteme sowie Migrationsströmungen durch Kriege und Naturkatastrophen begünstigen diesen Vormarsch. So sterben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) jährlich 5 Mio. Menschen an durch Impfung vermeidbaren Krankheiten, etwa genau so viele erleiden Behinderungen. Vor diesem Hintergrund sollte in Ländern, in denen wirksame und sichere Impfstoffe zur Verfügung stehen, die Devise lauten: „Impfen, was möglich ist!“

 

Wir können für Brandenburg feststellen: unsere Durchimpfungsraten sind im bundesdeutschen Schnitt im Spitzenbereich. Die Eltern im Osten Deutschlands haben mit der früheren Impfpflicht offenbar sehr gute Erfahrungen gemacht. Dennoch werden die Impfärzte immer wieder von verunsicherten Eltern angesprochen und tragen folgende Thesen vor.

 

Woher kommt die Impfkritik?

 

Hintergründe einer Impfskepsis sind oft Unwissenheit über den präventiven Effekt der Schutzimpfungen, diffuse Ängste und ideologische Gründe. Beliebtestes Argument, eine Impfung abzulehnen, ist eine häufig völlig überzogene Auflistung vermeintlicher Nebenwirkungen. Die zunehmende Beliebtheit und unreflektierte Akzeptanz sogenannter alternativer und homöopathischer Heilmethoden macht einige Patienten oft unzugänglich für rationale Argumente. Gegen jede mögliche Erkrankung zu impfen, nähme „dem Körper des Kindes die Gelegenheit, das Abwehrsystem zu stärken“ (Santotzki: Sonnentau und Augentrost – Kinder heilen mit Homöopathie). Publikationen wie „Impfen: das Geschäft mit der Angst“ von G. Buchwald oder „Impfungen, der Großangriff auf Gehirn und Seele“ von H. L. Coulter lassen die Impfung gar zum Horrortrip werden, bei dem alle möglichen Gefahren drohen: chronische Ohrenentzündung, AIDS-Infektionen, Allergien, Krebs, multiple Sklerose, Diabetes mellitus, ADS und Immunschwäche.

 

 

Die zehn impfkritischen Thesen und zehn Gegenargumente

 

These 1

 

Erkrankungen sind weniger gefährlich als Impfungen, die Nebenwirkungen mit sich bringen und Langzeitfolgen haben, die wir noch gar nicht kennen.

 

Gegenargument: Die möglichen Komplikationen einer Impfung müssen selbstverständlich seltener und weniger gravierend sein als die möglichen Folgen der Erkrankung. U. Quast und S. Ley stellen in ihrem Buch „Schutzimpfungen im Dialog“ (Kilian-Verlag 1999) Impf- und Krankheitskomplikationen gegenüber ( Tab. 1 ). Diese Übersicht sollte ausgeschnitten auf jedem Arztschreibtisch liegen, um Impfgegnern mit konkreten Zahlen begegnen zu können.

 

These 2

 

Verschieben von Impfungen in ein höheres Alter trifft einen stärkeren Organismus!

 

Gegenargument: Der Schutz eines Menschen ist umso wertvoller, je früher er – z.B. durch SchutziImpfungen – vorhanden ist. Die Pertussis-Apnoe bedroht kleine Säuglinge, Leberzirrhose und hepatozelluläre Karzinome durch Hepatitis-B-Infektionen ist bei Säuglingen und Kleinkindern viel häufiger als im späteren Lebensalter.

 

Der Tetanus-Schutz sollte vor Erreichen des Krabbelalters erfolgen, die Infektionsgefahr steigt mit der Mobilität des Kindes. Diphtherie, früher auch als „Würgeengel der Kinder“ bezeichnet, trifft besonders Säuglinge und Kleinkinder. Neue Gruppenbildungen im Kindergarten und in der Schule sollten eine komplette Masern-Mumps-Röteln-Impfung zur Voraussetzung haben.

 

These 3

 

Stillen reicht zur Prophylaxe von Kinderkrankheiten aus!

 

Gegenargument: Spezifische Antikörper konnten im Kolostrum nachgewiesen werden, in der Muttermilch sind die Antikörpermengen allerdings unzureichend. Bewiesen ist, dass gestillte Kinder Impfungen besser vertragen. Natürlich schützt Stillen vor anderen, nicht durch Impfung vermeidbaren Krankheiten.

 

 

These 4

 

Durchgemachte Kinderkrankheiten sind „für die seelische Entwicklung“ wichtig!

 

Gegenargument: Krankheiten des Kindes fördern eine enge Eltern-Kind-Bindung, das Kind spürt die Fürsorge der Eltern. Jeder banale Infekt führt zu dieser emotionalen Nähe. Warum sollten also  gefährliche Krankheiten in Kauf genommen werden, wenn sichere und erprobte Impfungen zur Verfügung stehen? Pointiert gesagt: Würden Sie Ihr Kind einmal quer über die Autobahn schicken, nur damit es die Gefahr kennen lernt, die vom Straßenverkehr ausgeht?

 

These 5

 

Impfungen lösen Allergien aus.

 

Gegenargument: Es gibt keine Hinweise auf die direkte Auslösung einer Allergie durch einen Impfstoff. Begleitstoffe und Konservierungsstoffe (z.B. Merthiolat, Natrium-Timerfonat) können dagegen allergen sein und z.B. verstärkte Impfreaktionen an der Einstichstelle auslösen. Schwere anaphylaktoide Reaktionen sind extrem selten. Als Ausnahme gilt die Grippeschutzimpfung bei Vorliegen einer manifesten Hühnereiweiß-Allergie. Die Behauptung, es gäbe eine Zunahme von Allergien durch Impfungen, ist mehrfach widerlegt und sollte als Argument gegen Impfungen nicht akzeptiert werden. In der DDR wurde viel konsequenter geimpft als im Westen, es herrschte quasi Impfzwang, die Allergiehäufigkeit der DDR war allerdings viel niedriger als die der Bundesrepublik.

 

These 6

 

Mehrfachimpfungen sind eine große Belastung, haben mehr Nebenwirkungen und überladen das Immunsystem!

 

Gegenargument: Der menschliche Organismus muss sich täglich mit mehreren hundert verschiedenen Krankheitserregern auseinander setzen, dies führt zum Erwerb einer kompetenten Immunabwehr. Bei einer Impfung wird der für das Immunsystem beste Zeitpunkt gewählt, erstmalig mit einem Erreger in Kontakt zu kommen. Die applizierten Antigene sind nur Toxoide, also nur Bruchteile der Krankheitserreger, oder tote Mikroorganismen, Kombinationsimpfstoffe sind attenuierte Viren. Mehrfachimpfungen reduzieren die Anzahl der Injektionen sowie die Applikation von Konservierungsstoffen, Antibiotika und Begleitstoffen. Es sollte daher das Aufteilen einer Mehrfachimpfung auf viele Einzelimpfungen soweit wie möglich vermieden werden.

 

These 7

 

Auffrischimpfungen gegen bei uns bereits ausgelöschte Erkrankungen sind doch sinnlos!

 

Gegenargument: Poliomyelitis und Diphtherie wurden auf dem Amerikanischen Kontinent und Europe (nur für Polio zutreffend) durch konsequentes Impfen ausgelöscht. In anderen Ländern sind sie aber noch  häufig  vorhanden, dadurch kann es zu einem Re-Import dieser längst vergessenen Krankheiten kommen. Ein allgemein in der Bevölkerung reduzierter Impftiter kann eine epidemische Ausbreitung der Erkrankung ermöglichen. Impfungen gegen gefährliche Infektionskrankheiten dienen damit nicht nur dem Eigenschutz, sondern auch dem Schutz immunsupprimierter Personen. Immer mehr Menschen werden aufgrund onkologischer oder rheumatischer Erkrankungen oder nach Transplantationen immunsuppressiv behandelt. Eine konsequente Durchimpfung der Bevölkerung verhindert das Ausbreiten von Infektionskrankheiten und schützt so diese „Non-Responder“, die primär keine Immunantwort nach Impfungen entwickeln. Erwähnenswert ist, dass die Diphtherie in Deutschland hauptsächlich Erwachsene mittleren Alters trifft, da deren letzte Diphtherie-Immunisierung noch im Kindesalter erfolgte. Auffrischungsimpfungen werden dann zu oft "vergessen".

 

These 8

 

Impfstoffe können gefährliche Krankheiten übertragen!

 

Gegenargument: Aktive Impfungen sind keine Blutprodukte, sondern abgeschwächt lebende Organismen bei voller antigener Wirkung, abgetötete Erreger, Toxoide, Bruchstücke von Krankheitserregern, die gentechnologisch oder mit Hühnereiweiß gezüchtet werden. Aus pathogenen Organismen extrahierte DNA soll künftig in andere Träger inkorporiert werden. In der amerikanischen Veterinärmedizin ist die Impfung mit Kartoffeln, die gentechnologisch manipuliert wurden, schon Realität. Für humane Impfungen wird bereits an einer „Impfbanane“ gearbeitet, in die Genome von pathogenen Organismen eingebaut sind.

 

These 9

 

Krankheiten sind verschwunden, weil sich die Hygiene verbessert hat, nicht weil Impfstoffe eingeführt wurden.

 

Gegenargument: Richtig ist: Die sozioökonomische Entwicklung der letzten Jahrzehnte, eine bessere Ernährung und der Antibiotika-Einsatz haben zum Sieg über viele Krankheiten geführt. Unbestritten ist aber, dass mit der Einführung der Masern-Vakzine in den USA die Krankheitsfälle dramatisch zurückgingen: von 800.000 bis 900.000 im Jahr 1963 auf unter 100 im Jahr 2000. Der Rückgang der invasiven Hib-Fälle seit 1990 ist eindeutig auf die Einführung einer effizienten und sicheren Impfung zurückzuführen. Die Einführung der Polio-Dreifach-Schluckimpfung 1962 hat die Zahl der Poliomyelitis-Fälle pro Jahr in Westdeutschland von 10.000 auf Null absinken lassen. Seit 1990 ist Deutschland poliofrei. Das Wiedererwachen der Diphtherie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs – allein im Jahr 1994 gab es in den GUS-Staaten wieder 50.000 Fälle  – war eindeutig durch den Zusammenbruch des öffentlichen Gesundheitswesens in Osteuropa bedingt, das die notwendigen Impfungen nicht mehr durchführen konnte. Der Rückgang all dieser Krankheiten hat wenig mit verbesserten Hygiene-Maßnahmen oder Antibiotika-Gabe zu tun, sondern ist auf den konsequenten Einsatz von Impfungen zurückzuführen.

 

These 10

 

Mütter, die eine Krankheit durchgemacht haben, übertragen ihrem Kind mehr Antikörper als Mütter, die Impfungen erhalten haben!

 

Gegenargument: Es gibt Krankheiten mit sehr geringem Nestschutz, z.B. Tetanus und Diphtherie. In Entwicklungsländern wird deshalb eine präpartale Tetanusimpfung der Mutter durchgeführt, um zum Zeitpunkt der Geburt hohe Antikörper-Titer auch für das Kind zu erreichen. Diese Impfprogramme konnten die Rate der Neugeborenen Tetanus-Fälle drastisch reduzieren. Es kommen Mütter in unsere Praxen, die als Kind bereits gegen Masern-Mumps-Röteln (MMR) geimpft wurden, die Antikörper-Titer sind daher niedriger als nach durchgemachter Erkrankung. Aufgrund dieser Tatsache wurde von der STIKO die MMR-Impfung auf den zwölften Lebensmonat vorverlegt. Hingewiesen werden muss auf die Durchführung der zweiten MMR-Impfung im sechsten Lebensjahr, um den Impfschutz auf 99% anzuheben. Die zweite MMR-Impfung ist jedoch schon vier Wochen nach der ersten möglich.

Zurück
Impfskepsis - begründet ?