Osteopathie für Säuglinge und Kleinkinder

Was ist das und kann ich es empfehlen?

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Ein Kind wurde geboren und schon werden die Eltern von vielen gut gemeinten Ratschlägen überhäuft. Bereits in den Geburtsvorbereitungskursen gibt es erste Hinweise auf das „sanfte Wirken von Kinder-Osteopathen“, auch Entbindungskliniken bieten neben Stillberatungen und Elternschulung auch zunehmend einen „osteopathischen Check-up“ an. Die Liste der Krankheitsbilder, die Osteopathen bei Säuglingen und Kindern vorgeblich behandeln können, ist beachtlich. Das Spektrum reicht von Stillproblemen, chronischen Mittelohrentzündungen und Dreimonatskoliken über Hüftfehlbildungen, Neurodermitis bis hin zu Lernstörungen und dem notorischen Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Schon nach der Geburt wären osteopathische Behandlungen notwendig um eine später drohende Leserechtschreib- oder Rechenschwäche abzuwenden.

Klar, alle Eltern wollen nur das Beste für ihre Kinder. Und so bekunden sie immer wieder mal, dass sie unmittelbar nach der Geburt eine osteopathische Erstuntersuchung verordnet haben wollen. Sie werden darin sogar häufig von Hebammen und durch andere Mütter im Rückbildungskurs gedrängt. Vor einigen Jahren berichtete mir eine junge Mutter aus Friedrichshagen, dass sie unter einem schlechten Gewissen leide, weil sie nun die einzige Mutter im Rückbildungskurs sei, die mit ihrem kerngesunden Baby noch nicht beim Osteopathen war. 

Und so lassen viele Eltern ihre Säuglinge von Osteopathen behandeln – im Glauben, ihnen etwas Gutes zu tun. Im schlimmsten Fall setzen sie dabei aber die Gesundheit ihrer Kinder aufs Spiel.

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Viele Krankenkassen übernehmen zumindest einen Teil der Kosten für osteopathische Behandlungen. 

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Was ist also daran und warum kann ich es trotzdem nicht unterstützen?

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Kurz gesagt: bis heute gibt es keine belastbare Studie, die eine Wirksamkeit osteopathischer Diagnostik oder Therapie belegt hat. Nur bei der Behandlung von Rückenschmerzen im Erwachsenenalter scheint es einen schwach nachgewiesenen Placeboeffekt zu geben. Bei objektiven Gesundheitsstörungen im Säuglingsalter kann die Anwendung osteopathischer Behandlungen allerdings schwerwiegende Nebenwirkungen haben, weil nachweislich wirksame und eher traditionelle Diagnostik und Therapie unterlassen wurden.

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Noch etwas finde ich sehr bedenklich:

In Deutschland gibt es keinerlei Vorgaben, wie eine Ausbildung aussehen muss, damit sich ein Arzt, Heilpraktiker oder Physiotherapeut Osteopath nennen darf. Es gibt zwar Schulen für Osteopathie, die mehrjährige Ausbildungen anbieten. Allerdings gibt es auch die Möglichkeit, Osteopathie im 'Schnelldurchgang' zu erlernen, etwa in Wochenendkursen im europäischen Ausland. Ob die notwendige Qualität der Ausbildung dann gegeben ist, ist zumindest sehr fraglich.

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Warum übernehmen dann aber viele gesetzliche Krankenkassen die Kosten dafür?

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Natürlich wissen die Entscheidungsträger der Kassen auch, dass es keinerlei Wirksamkeitsnachweise für Osteopathie gibt. Es ist somit zu vermuten, dass die (zumindest teilweise) Kostenübernahme nur ein reines Marketinginstrument ist, um junge (=kostengünstige) Mitglieder zur Kassenmitgliedschaft zu werben. 

Am 09.11.2009 stellte der wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer fest, dass es insbesondere für den Bereich der „kraniosacralen Osteopathie“ (wird zumeist von Hebammen empfohlen und bei Säuglingen angewendet) keinerlei naturwissenschaftliche Grundlagen gibt.

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Schlussfolgerung

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Nein, Ihr Kind braucht in keinem Fall eine osteopathische „Behandlung“. Sparen Sie diese unnötige finanzielle Ausgabe und lassen Sie ggf. von einem Fachmann klären, was Sie an der Entwicklung des Kindes beunruhigt. In den allermeisten Fällen muss dann nichts gemacht werden!

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