Kinder- und Jugendarztpraxis 

Dipl.-Med. Jens-Uwe Köhler

KISS-Syndrom - was ist das?

In der kinderärztlichen Praxis werden uns gelegentlich Neugeborene oder Säuglinge zur Diagnostik und Therapie eines sogenannten KISS- oder KIDD-Syndroms vorgestellt. Was ist das? 

  

Da es bis heute keine belastbaren Studien gibt, die das Vorhandensein dieser „Erkrankung“ und eine Wirksamkeit dieser Behandlungsmethode belegen, von den Kassen nicht finanziert wird und eher auch schädlich sein kann, ist große Skepsis angebracht. 

  

Um die Eingangsfrage zu beantworten, hat die Kommission zu Behandlungsverfahren bei Entwicklungsstörungen und zerebralen Bewegungsstörungen ( Deutsche Gesellschaft für Neuropädiatrie e.V. , D. Karch, E. Boltshauser, G. Groß-Selbeck, J. Pietz, H.-G. Schlack) eine Stellungnahme erarbeitet, die ich hier mit den wesentlichen Feststellungen zitieren will. Die vollständige Stellungnahme mit umfassendem Literaturverzeichnis finden Sie hier.

  

Definition KISS: 

Im Jahr 1953 wurde aus vermuteten „Kopfgelenkblockierungen“ nachteilige Folgen für die Entwicklung von Kindern abgeleitet, die in Einzelfällen durch manualtherapeutische Maßnahmen erfolgreich korrigierbar seien. 1993 wurde dafür der Begriff „Kopfgelenk-Induzierte Symmetrie Störung“ eingeführt.

  

Angebliche Symptome bei einem KISS 

  • Kopfschiefhaltung und/oder stark überstreckte Haltung des Kopfes,
  • einseitige Körperhaltung im Liegen (auch im Schlaf),
  • Essstörungen,
  • Schlafstörungen,
  • Überempfindlichkeit beim Tasten im Nackenbereich,
  • Schädelasymmetrie,
  • Abspreizhemmung der Hüfte,
  • Asymmetrie der Glutaealfalte und schließlich
  • „Symptome aus dem Stammhirnbereich“ wie:
    • unklares Fieber und Fieberkrämpfe,
    • Appetitlosigkeit,
    • Konzentrations- und Kommunikationsschwächen

  

 

  

  

Zusammenfassung der o.g. Stellungnahme

All diese Symptome finden sich allerdings genau so auch bei zahlreichen anderen Störungen und sind nicht immer als krankhaft zu werten!

Die Existenz der „kopfgelenkinduzierten Symmetriestörung“ (KISS) im Sinne eines definierten Krankheitsbildes, das klinisch vor allem zu Störungen der Körperhaltung im Säuglings- und Kleinkindesalter führen oder für eine Reihe von Verhaltensstörungen verantwortlich sein soll, ist eine bisher unbewiesene Hypothese. „KISS“ wird daher bis heute nicht im offiziellen internationalen Krankheitenverzeichnis (ICD-10) geführt.

 

Die spezielle manualmedizinische Behandlung im Bereich der Halswirbelsäule bei Störungen der Körperhaltung und Symmetrie wurde in ihrer Wirksamkeit bisher nicht ausreichend belegt.

 

Auch die theoretischen Grundlagen, die zur Begründung einer Krankheitszugehörigkeit angeführt werden, sind nur teilweise nachvollziehbar und werden selbst von der Deutschen Gesellschaft für Manualmedizin in Zweifel gezogen.

 

Weitergehende Vorstellungen über die langfristigen negativen Auswirkungen des unbehandelten KISS-Syndroms (auch leichterer Ausprägung) auf Lernfähigkeit und psychomotorische Entwicklung bis in das Schulalter sind unverständlich.  

 

Die Propagierung dieser Vorstellungen führt zu einer unnötigen Verunsicherung der Eltern und Kinder.

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